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forschen, produzieren, heilen / 10.06.2021
Gründerin Kieback startet mit T-knife durch

Dr. Elisa Kieback, Mitgründerin und Chief Technology Officer von T-knife (Foto: © T-Knife)
Dr. Elisa Kieback, Mitgründerin und Chief Technology Officer von T-knife (Foto: © T-Knife)

Bestfinanziertes Start-up der deutschen Biotech-Szene

Ein aufgehender Stern am Himmel der deutschen Biotech-Branche ist ein junges Berliner Unternehmen: T-knife. Mitgründerin Dr. Elisa Kieback hat das Spin-off von MDC und Charité gemeinsam mit Kolleg*innen an die Spitze der deutschen Biotech-Start-ups katapultiert.Seit einem Jahr fühlt sich Dr. Elisa Kieback „wie auf einer Raketenabschussrampe“, sagt sie. 2015 hat die heute 40-jährige Forscherin und Unternehmerin zusammen mit Professor Thomas Blankenstein vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) und Holger Specht, Investment Director bei der IBB Beteiligungsgesellschaft, T-knife als Unternehmensgemeinschaft aus dem MDC und der Charité heraus gegründet. Diesem Sprung aus der Wissenschaft in die Wirtschaft gingen fast 20 Jahre Grundlagenforschung am MDC voraus – so lange schon arbeitet Thomas Blankenstein an seiner Vision, mit Hilfe genetisch veränderter Immunzellen, den T-Zellen, Krebserkrankungen zu heilen.

Etwa zehn Jahre lang trug er den Gedanken an eine Ausgründung mit sich herum. Elisa Kieback lernte er 2004 als Zweitgutachter ihrer Doktorarbeit kennen. „Sie ist eine herausragend intelligente, motivierte, organisierte und hart arbeitende junge Wissenschaftlerin, die sich der T-Zell-Rezeptor (TCR)-Gentherapie verschrieben hat“, charakterisiert Blankenstein seine Mitgründerin. 2015 wechselte die Biologin aus der Arbeitsgruppe von Professor Wolfgang Uckert in Blankensteins Team und koordinierte die erste klinische Studie zur TCR-Gentherapie, die im Januar dieses Jahres an der Charité – Universitätsmedizin Berlin startete. „Als sie hörte, dass ich eine Ausgründung aus dem MDC plane, wollte sie gerne dabei sein. Ich stimmte sofort zu. Das werde ich nie bereuen“, erzählt Blankenstein. Der Name T-knife ist so alt wie die Gründungsidee selbst: Er steht dafür, dass gentechnisch veränderte T-Zellen – das sind Zellen des Immunsystems – wie ein chirurgisches Präzisionsmesser Tumore aus dem gesunden Geweber herausschneiden sollen.

Neue Immuntherapie gegen Krebs in der klinischen Prüfung

Bis 2018 bestand T-knife nur auf dem Papier. „Die Rechtsform als Unternehmensgemeinschaft war wichtig, um erste organisatorische Schritte zu gehen, beispielsweise eine Anwaltskanzlei beauftragen zu können“, sagt Elisa Kieback. Dann wandelten die Gründer*innen T-knife in eine GmbH um, Holger Specht stieg aus, das Technologietransfer-Unternehmen Ascenion stieg ein. Die Venture-Fonds von Boehringer Ingelheim und Andera Partners stellten eine Anschubfinanzierung von acht Millionen Euro zur Verfügung. Davon engagierte Elisa Kieback 15 Mitarbeiter*innen und richtete die ersten eigenen Räume und Labore am Campus Berlin-Buch ein. 2020 drehte sie eine zweite Finanzierungsrunde und konnte stolze 66 Millionen Euro einwerben – wieder von Andera Partners und Boehringer Ingelheim sowie von den US-Risikokapitalgebern Versant Ventures und RA Capital Management. Damit machte sie T-knife zum bis dato bestfinanzierten Start-up der deutschen Biotech-Szene. Sie hat sich Thomas Soloway als Geschäftsführer und Camille Landis als Finanzchefin an die Seite geholt. Sie selbst kümmert sich als Technologiechefin um die Plattform- und Produktentwicklung, Thomas Blankenstein gehört dem Beirat an.

Seitdem gibt es für T-knife kein Halten mehr. Gut finanziert kann Elisa Kieback mit ihrem Team nach weiteren TCR-Kandidaten für verschiedene Krebsarten suchen. Die Forschenden haben mehrere vielversprechende Antigene entdeckt, die bei Krebserkrankungen auftreten. „Wir werden nun passende Rezeptoren herstellen und testen“, sagt Elisa Kieback. Die 450 Quadratmeter am Campus Berlin-Buch, die T-knife bezogen hat, werden allerdings langsam eng. Ende 2020 arbeiteten dort 20 Menschen, in der ersten Jahreshälfte 2021 ist ihre Zahl auf 40 angewachsen. „Bis zum Ende dieses Jahres wird sich die Anzahl noch einmal verdoppeln“, schätzt die Gründerin. In Berlin Mitte eröffnet T-knife ein Büro für das Team, das sich um klinische Studien kümmert.

Auf nach Amerika – und in die ganze Welt

Parallel dazu hat T-knife einen Standort in der Biotech-Hochburg San Francisco gegründet. Denn zum einen kommt das meiste Kapital, das in T-knife steckt, aus den USA. „Wenn wir uns langfristig als Firma gut aufstellen wollen durch weitere Finanzierungsrunden oder einen Börsengang, dann müssen wir für amerikanische Investoren attraktiv sein“, erklärt Elisa Kieback. Zum anderen strebt sie klinische Studien in amerikanischen Kliniken an. „Gerade bei der Umsetzung der T-Zell-Therapien in klinische Studien ist die wissenschaftliche Expertise in den USA derzeit größer als in Deutschland.“ Nicht zuletzt erhofft sie sich dadurch eine raschere Zulassung und einen schnelleren Zugang zum amerikanischen Markt.

Was nicht heißt, dass sie Deutschland den Rücken kehren will. „Berlin als Wissenschaftsstandort hat sehr viel zu bieten“, schwärmt sie. Aus den zahlreichen Forschungsinstituten, Universitäten und der Charité gehen viele Forscherinnen und Forscher hervor, die T-knife rekrutieren könne. San Francisco sei der Schlüssel zum amerikanischen Markt – Elisa Kieback will jedoch auf den Weltmarkt.

Einzigartige Technologie mit riesigem Potenzial

Sie ist zuversichtlich, dass das gelingt. „Wir verfügen über eine einzigartige Technologie, die Thomas Blankenstein entwickelt hat“, erklärt sie selbstbewusst. „Auch Leute, die nicht aus der Biotechnologie kommen, erkennen sehr schnell, dass sie etwas ganz Besonderes und Neuartiges ist – mit großem Wachstumspotenzial in medizinischer wie ökonomischer Hinsicht.“ Deshalb habe sie die Investoren überzeugen können. Ohne das viele Geld wäre es auch gar nicht gegangen. „Diese Form der Therapie ist sehr kapitalintensiv“, erklärt sie. Für die klinische Studie, die sie an der Charité zum Laufen gebracht hat, stellte das Bundesforschungsministerium vier Millionen Euro zur Verfügung. „Das erscheint viel und ist auch eine tolle Unterstützung. Im Zelltherapiebereich ist das Geld aber ganz schnell weg, wenn man ein echtes Produkt entwickeln möchte, das vielen Patienten zu Gute kommt.“ Die klinische Studie, das Monitoring, die Herstellung der patientenindividuellen Zellprodukte – das ist absolutes Neuland und kostet eine ganze Menge. Die Gründung sei deshalb unausweichlich gewesen, um Geld für die weitere Entwicklung einwerben zu können. Ihr Budgetplan steht jetzt bis 2023.

Erfindungen brauchen Unternehmer

Mit ihrer neuen Rolle als Unternehmerin hadert Elisa Kieback kein bisschen. „Wir brauchen im Forschungsumfeld eine viel größere Offenheit dafür, dass Unternehmertum gebraucht wird, damit Erfindungen den Sprung aus der Forschung in die Anwendung schaffen“, ist sie überzeugt. Außerdem forsche sie ja weiter – wenn auch mit einem anderen Fokus: weg von der Grundlagenforschung, die die Basis gebildet hat, hin zu neuen Produktkandidaten und letztlich neuen Therapeutika.

Forschen wollte sie schon immer und hat sich deshalb nach dem Abitur für ein Biologiestudium in Heidelberg entschieden. Nach einem Erasmusjahr in Schottland schrieb sie ihre Diplomarbeit am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). 2004 bewarb sie sich für das PhD-Programm am MDC in Uckerts Arbeitsgruppe zur Zellulären Gentherapie. „Gentherapie hat mich total fasziniert“, erzählt sie. „In den 2000-er Jahren war es ein großer Hype, dass man Krankheiten heilen kann, indem man kaputte Gene repariert und neue Gene in die Zelle einschleust. Das wollte ich auch.“ Für ihre Doktorarbeit entwickelte sie eine Art Sicherheitsschalter, mit dem eine Zell- und Gentherapie im Fall unerwünschter Nebenwirkungen gestoppt werden kann.

Rollenmodell für Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft

Irgendwann wollte sie neue Karrierewege gehen und bewarb sich deshalb als Studienkoordinatorin in der Arbeitsgruppe von Thomas Blankenstein. „Das war ein Allroundjob, der den großen Vorteil hatte, dass ich in viele Bereiche reinschnuppern konnte“, erinnert sie sich. Als sie von Blankensteins Gründungsabsichten hörte, war sie sofort begeistert und dabei. Es macht ihr Spaß, Teams aufzubauen, zu erkennen, wer welche Stärken und Schwächen hat, Menschen zu fördern und in ihrer Karriere zu unterstützen. Was ihr sehr wichtig ist: „Vorbild zu sein für Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft. Ich wusste nicht, dass mich das reizt. T-knife hat mir dazu verholfen.“ Parallel dazu möchte sie unbedingt herausfinden, ob die T-knife-Technologie für die Patient*innen wirklich funktioniert. Das werden am Ende erst die klinischen Daten zeigen. „Doch für unsere Plattform haben wir die allerbesten Voraussetzungen geschaffen, um sie optimal zu testen. Das ist das, was mich antreibt“, betont sie.

Das atemberaubende Tempo, das T-knife an den Tag legt, bedeutet, sich konstant zu verändern. Muss man aushalten können. Es ist nicht immer leicht zu managen, wenn aus 20 Mitarbeiter*innen binnen kürzester Zeit 40 werden. „Aber ich bin ein Mensch, der eher von und mit Bewegung lebt als mit Stillstand. Stillstand frustriert mich“, sagt sie und lacht ein bisschen.

Von Stillstand kann vorerst keine Rede sein. Im Juli bringt sie ihr zweites Kind auf die Welt. Und wenn im nächsten Jahr tatsächlich alles ein bisschen ruhiger werden sollte, hofft sie, wieder Zeit für ihr Hobby zu finden: das Tanzen. Passt zu ihr, vereinen sich darin doch harte Arbeit und schwebende Leichtfüßigkeit.  

Text: Jana Ehrhardt-Joswig

Mehr Informationen

Website von T-knife

Film "Der lange Atem" - ein Film mit Thomas Blankenstein, Elisa Kieback, Mathias Leisegang, Antonio Pezzutto und Wolfgang Uckert

Quelle: Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC)

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