„In diesen turbulenten Zeiten wurden aber überall Chemiker freigesetzt, weil die ostdeutschen Betriebe sich dem Marksituation stellen mussten, dadurch Kapazitäten abbauten oder ganz schlossen“, so Möller. An die hundert Bewerbungen habe er damals verschickt, ohne Erfolg.
Direkt nach der Wende verbesserten sich die Arbeitsbedingungen an den Universitäten - wie für so viele Forscher - auch für Möller zunächst. Sein engagierter Chef, Leiter des Instituts für Organische Chemie an der Humboldt-Universität Prof. Dieter Cech, zog für seine Wissenschaftler jede Menge Drittmittel und Industrie-Kooperationen an Land. „Endlich konnten wir so forschen wie wir wollten: Mit modernsten Geräten, Kooperationen in alle Himmelsrichtungen und nicht mehr eingeschränkt durch wirtschaftspolitisch verordnete Zwänge“, erinnert sich Möller, der der Idee des Sozialismus eigentlich zugeneigt war. Im Rahmen eines Sonderforschungsprojektes konnte Möller fünf Jahre an der Entwicklung eines neuartigen nicht-radioaktiven Nachweises von Nukleinsäuren basierend auf Chemilumineszenz arbeiten. „Wir hatten da eine Methode in den Händen, die ein enormes Potential hatte, zu einem marktfähigen Produkt entwickelt zu werden.“
Die Wissenschaftler gingen deshalb eine Kooperation mit der Göttinger Firma Biometra ein, um das innovative Diagnostikverfahren bis zur Marktreife weiterzuentwickeln. Aber Biometra wurde aufgekauft, und der neue Eigentümer hatte aus strategischen Gründen kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit. Mehr versprach da das Angebot des amerikanischen Gaststudenten Derek Levison - heute gemeinsam mit Möller Geschäftsführer der Firma emp Biotech - den Kontakt zu einem amerikanischen Mittelstandsunternehmen herzustellen.
„Wir fuhren zusammen nach New Jersey“, erzählt Möller. „Dort lernte ich Stewart Levison und Paul Nix kennen, Chefs von Princeton Separations und beide Wissenschaftler, die erfolgreiche Unternehmer geworden sind. Sie fanden unsere Methode höchst innovativ und fragten uns rundheraus: Wollt ihr in das kalte Wasser des Kapitalismus springen? Und wir sagten ohne Umschweife: Na klar!“ Für Möller bot sich damit eine Chance, seine wissenschaftlichen Ergebnisse weiter zu entwickeln und gleichzeitig seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die wollte er ergreifen.
Eine Gründungsfinanzierung vom Bundesforschungsministerium in Höhe von 1,5 Millionen D-Mark wurde beantragt. Zunächst wollten Möller und Derek Levison mit Unterstützung von Princeton Separations von der Humboldt-Universität aus startend eine eigene Firma gründen. Aber das Schicksal machte einen Strich durch diese Rechnung. Institutsleiter Cech verstarb unerwartet und damit endete für die Jungunternehmer die Übereinkunft mit der Universität, dort Räume nutzen zu können. Hinzu kamen formelle bürokratische Hindernisse durch die Förderrichtlinien des BMBF. „Auch unser Förderantrag platzte, denn der hatte zur Bedin-gung, dass mehr als 50 Prozent des wissenschaftlichen Know-hows bei einem Gründer deutscher Herkunft liegen mussten“, so Möller. Also fing er wieder bei Null an.
Aber da gab es noch die deutsche Vertriebsfirma von Princeton Separations, emp Biotech. Hier wurden Möller und Levison 1997 schließlich Geschäftsführer. Sie entwickelten ein völlig neues Konzept für die Firma, das vorsah, weiter den Vertrieb für Princeton Separations abzuwickeln und parallel dazu einen F&E-Bereich aufzubauen, der zukünftig eigene Produkte in Aussicht stellte. Zunächst suchte die Zwei-Mann-Firma neue Räume in Adlershof, ein Zufall führte sie auf den Campus Buch, der damals noch nicht so bekannt war. Der Campus habe ihn aber gleich überzeugt, so Möller, insbesondere die Nähe zu Kooperationspartnern und Kunden. Da störte es auch nicht, dass die kleine Firma zuerst in einer alten Gipsbaracke unterkam, denn die günstigen Mieten waren in der Startphase sehr hilfreich.
Heute beschäftigt emp Biotech acht Mitarbeiter, betreut Auszubildende, Praktikanten sowie Diplomanden und belegt schicke Räume im Innovations- und Gründerzentrum. Die Firma stellt biologisch aktive Moleküle sowie Spezial- und Feinchemikalien „vom Milligrammmaßstab bis hin zu Mengen von einer halben Tonne“ her. Die Idee vom Anfang zum chemilumineszenten Nachweis von Biomolekülen haben die Unternehmer nicht aus den Augen verloren, jedoch habe sich die Realisierung als viel aufwändiger erwiesen als erwartet, besonders was die zu entwickelnden Geräte anging, sagt Möller. Andererseits hat emp Biotech derzeit auf Grund zahlreicher Ideen und Kooperationen eine Vielzahl weiterer Eigenentwicklungen in der Pipeline, die ein stetiges Wachstum des Unternehmens garantieren sollen.
Wie manch anderer Bucher Unternehmer mit ostdeutschem Ursprung ist auch Möller stolz darauf, immer ohne Fördermittel ausgekommen zu sein. Wenn ihm auch manchmal Zweifel kamen. „Als Ende der 1990ziger Jahre der Biotech-Boom ausbrach, entstanden Unternehmen mit zwanzig Mitarbeitern aus dem Nichts und verkündeten, in fünf Jahren an die Börse gehen zu wollen. Da haben wir uns schon gefragt, ob wir alles richtig machen.“ Beim Crash 2000 verschwand ein Teil dieser Unternehmen dann wieder sang und klanglos. Seitdem wisse er, dass ein langsames und gesundes Wachstum mehr Sicherheit bedeute. Auf der anderen Seite stehe für eigene Entwicklungen nur begrenztes Kapital zur Verfügung.
Mittlerweile hat Möller viel Spaß am Unternehmersein und die damalige Entscheidung, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, nicht bereut. Welchen Rat gibt er jungen Gründern? „Als Unternehmer muss man etwas verkaufen wollen. Man muss den Markt beobachten, Nischen suchen und herausfinden was die Kunden wollen. Zur reinen Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit, wie manche glauben, taugt der Job aber nicht – denn Chef ist der Kunde!“
www.empbiotech.de
|
|