Als dann nach 1989 DDR-Forscher endlich mit ihren Kollegen aus aller Welt in Kontakt treten konnten, begann gleichzeitig die Unsicherheit. Bis dahin erfolgreiche Forscher wurden von heute auf morgen arbeitslos - auch in Buch – und wenn man eine Stelle bekam, war diese auf wenige Jahre befristet.
„Ich gehörte zu den ganz wenigen hier in Buch, die am neu gegründeten Max-Delbrück-Centrum eine unbefristete Stellen bekamen, warum auch immer“, sagt sie mit einer gewissen Bescheidenheit. Das lag sicher mit an ihrem Arbeitsgebiet, der Untersuchung von Substanzen, so genannten Zytostatika, auf ihre Antitumorwirkung. Eine solche Gruppe brauchte man weiterhin am MDC. Nicht unerheblich dürfte aber auch gewesen sein, dass Iduna Fichtner eine hervorragende und leidenschaftliche Wissenschaftlerin ist, die schnell das Wesentliche einer Fragestellung bei komplizierten Zusammenhängen erkennt.
Sie wurde 1949 im Erzgebirge geboren. Der Vater arbeitete im Uranbergbau und starb schon mit 52 Jahren an dem für diese Tätigkeit typischen Lungenkrebs. Iduna Fichtner studierte in Jena und Halle Pharmazie, entschied sich aber gegen den Apothekerberuf. Sie ging mit nur 24 Jahren, gerade promoviert und mit Familie, nach Bernau ans Kreiskrankenhaus und wurde dort Leiterin des klinisch-chemischen Labors. „Ich hatte keine Ahnung von den praktischen Methoden, die Ärzte schauten mir als Naturwissenschaftlerin argwöhnisch über die Schulter und die MTAs hatten berechtigterweise Vorbehalte. Das war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt sie. Aber sie empfand es als Herausforderung und biss sich durch.
Nach zwei Jahren, dann mit zwei Kindern, entschied sie sich nochmals beruflich zu verändern. Sie zog mit ihrer Familie nach Buch. „Auf einem Spaziergang durch den Ort las ich den Namen des Zentralinstituts für Krebsforschung. Da ging ich hin und hatte nach einer halben Stunde einen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin“, erzählt sie. Gleich beim Bewerbungsgespräch sei sie gefragt worden, ob sie in die SED eintreten wolle. Sie verneinte dies mit Hinweis auf ihre Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche. „Anscheinend hat mir das nicht geschadet und später spielte dies glücklicherweise keine Rolle mehr.“
Am Krebsforschungsinstitut unter Prof. Tanneberger befasste sie sich damit, neue Substanzen, die als Kandidaten für eine Chemotherapie in Frage kamen, in verschiedenen biologischen Systemen auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. 1986 habilitierte sie sich zum Thema Wirksamkeit liposomaler Formulierungen für Zytostatika und wurde kurz darauf zur Abteilungsleiterin berufen.
Heute ist Iduna Fichtner Arbeitsgruppenleiterin am MDC und gleichzeitig in der von ihr und Dr. Christian Nowak 1997 gegründeten Firma EPO-Experimentelle Pharmakologie & Onkologie Berlin-Buch GmbH tätig. Mit ihrer MDC-Gruppe entwickelt sie Methoden, die es ermöglichen sollen, beispielsweise Lungentumoren in Abhängigkeit von ihren biologischen Merkmalen mit unterschiedlichen Wirkstoffen zu behandeln. Ziel sei es, irgendwann jedem Patienten das für seinen Tumor „maßgeschneiderte“ Medikament verabreichen zu können.
In der Firma EPO-GmbH ist Dr. Fichtner beratend tätig, wirbt auf Kongressen neue Kunden, die Substanzen an Tumormodellen auf ihre Wirksamkeit prüfen lassen wollen.
Die zeitweilig nervenaufreibende Doppelfunktion meistert Dr. Fichtner mit beeindruckender Ausgeglichenheit und Ruhe. „Man muss gut organisiert sein. Da haben mir meine Jahre als Labor- und Arbeitsgruppenleiterin sehr geholfen“, verrät sie. Und sie weiß ein ausgezeichnetes und motiviertes Team hinter sich. „Die meisten Mitarbeiter kenne ich schon seit vielen Jahren, da ist einfach Vertrauen da.“
Ob sie heute als junge Wissenschaftlerin dieselben Chancen hätte wie damals, Familie und Forschung unter einen Hut zu bringen, bezweifelt sie. Jungen Frauen rät sie deshalb, nur dann eine akademische Laufbahn einzuschlagen, „wenn sie wirklich dafür brennen.“ Das System der Wissenschaftsnomaden, die wegen der befristeten Verträge alle paar Jahre in eine andere Stadt zögen, hindere vor allem Frauen daran, in der Wissenschaft erfolgreich zu sein. Oder sie müssten auf Familie verzichten. An diesem System würde sie gern etwas geändert sehen.
Dr. Fichtner ist überzeugt, dass man Forscher nicht auf solche Art unter Druck setzen muss. „Wissenschaftler sind doch Idealisten, die arbeiten immer.“ Sie selbst ist das beste Beispiel dafür.
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