Sie tut das nicht gern, aber sie liebt die Arbeit in ihrer gut laufenden Praxis für Allgemein- und Betriebsmedizin und den Kontakt zu ihren Patienten. Nach dreißig in Buch verbrachten Berufsjahren wirkt die Medizinerin angekommen. Dass die Wirren der Wendezeit ihr einige schlaflose Nächte bereitet haben, ist ihr nicht mehr anzumerken.
In den Schoß gefallen ist Susanne Christ von Anfang an nichts. Zunächst hatte die im Nachkriegsberlin Aufgewachsene nicht die Absicht, Medizin zu studieren, wollte lieber Hebamme werden. „Damals war Studieren nicht angesagt, die Menschen wollten arbeiten und nützlich sein“, erinnert sie sich. Ihre guten Leistungen und Lehrer, die ihre Fähigkeiten erkannten und förderten, ließen sie dann doch den Weg in die Universität einschlagen. Sie kam aus einem kirchlichen Elternhaus, war nicht in der FDJ. Wer die damaligen Verhältnisse in der DDR kennt, weiß wie schwierig es unter solchen Bedingungen war, einen Studienplatz zu bekommen.
Sie machte ihren Facharzt für Allgemeinmedizin in Cottbus und arbeitete als Landärztin. 1975 ging sie mit ihrem Mann, ebenfalls ein Mediziner, nach Buch. Er bekam eine Stelle im Fachkrankenhaus für Lungenheilkunde. Susanne Christ bewarb sich als Betriebsärztin für die Institute der Akademie der Wissenschaften in Buch und bekam den Job. An diese Zeit erinnert sie sich gern. Sie hatte eine kleine Praxis, Betriebssanitätsstelle genannt, in einer heute längst abgerissenen Baracke auf dem Akademiegelände. Sie kannte jeden der rund tausend Mitarbeiter, denn diese kamen regelmäßig zur arbeitsmedizinischen Untersuchung oder konsultierten sie als Hausärztin. In einer Zusatzausbildung über Erkrankungen, die durch den Beruf entstehen, qualifizierte sie sich zur Betriebsmedizinerin.
„Das Betriebsgesundheitswesen in der DDR war gut ausgebaut“, sagt Dr. Christ über die damalige Zeit. Als Betriebsmediziner war man angestellt, hatte sein Auskommen. Besondere Vorkommnisse habe es kaum gegeben. „Einmal hatten über hundert Mitarbeiter gleichzeitig eine Durchfallerkrankung“, erinnert sie sich. Da gab es schon etwas Aufregung. Mit der Arbeit in den Laboren hatte dies jedoch nichts zu tun.
Auch heute arbeitet Susanne Christ als Betriebsärztin - für das Max-Delbrück-Centrum, für das Fachkrankenhaus für Lungenkrankheiten und Thoraxchirurgie und für weitere Firmen auf dem Campus und in der Region, als niedergelassene Ärztin. Die Kosten tragen die Institute und Unternehmen. Zum Schritt von der angestellten Ärztin zur selbständigen Unternehmerin und Arbeitgeberin konnte sie sich zunächst nicht durchringen. Erst als 1991 die Kündigung durch das Betriebsgesundheitswesen Pankow auf dem Tisch lag war klar, dass es ernst wurde. Sie beantragte die kassenärztliche Zulassung und startete 1992 ihre eigene Praxis, die 1993 in die Räume des heutigen Gläsernen Labors zog. Als das Gebäude 1996 saniert werden sollte, stand noch einmal eine wichtige Entscheidung an – neue Praxisräume zu suchen. „Die sollten am liebsten auf dem Campus sein, denn hierher kamen seit Jahrzehnten meine Patienten.“ Dies erwies sich jedoch als schwierig.
Schließlich fand Dr. Christ Räume in einem der schönsten Häuser in Buch, im Röbellweg/Ecke Wiltbergstraße, und entschied sich zum Umzug, wenn auch mit Bauchschmerzen. „Im Nachhinein war das eine gute Entscheidung.“ Die Patienten seien treu geblieben und schätzten die Nähe zum S-Bahnhof, neue Patienten seien hinzugekommen. An zwei Tagen in der Woche hält Dr. Christ hier ihre betriebsmedizinischen Sprechstunden ab, an den anderen Tagen praktiziert sie als Allgemeinmedizinerin.
Zu den betriebsmedizinischen Aufgaben gehören neben regelmäßigen Untersuchungen der Mitarbeiter auch die Begehung der Arbeitsplätze in Büros, Laboren und weiteren Tätigkeitsbereichen. Besonders überwacht werden Mitarbeiter, die mit Strahlen-, Röntgen- oder Gentechnik zu tun haben sowie beruflich infektionsgefährdet sind, aber auch Mitarbeiter in der Versuchstierhaltung, an Bildschirmarbeitsplätzen oder Kraftfahrer. In den Labors gibt es auf Grund der hohen Sicherheitsbestimmungen, die in Buch konsequent eingehalten werden, wenig Probleme, sagt Dr. Christ. Haltungs- oder Augenprobleme bei Mitarbeitern, die am Bildschirm arbeiten, oder Allergien kämen schon mal häufiger vor.
Besonders froh ist die 62jährige darüber, dass Bestand haben wird, was sie sich in einem erfüllten Berufsleben aufgebaut hat. Ihr Sohn Dr. Stephan Christ tritt betriebsärztlich und hausärztlich in ihre Fußstapfen und wird die Praxis in einigen Jahren, wenn sie in den Ruhestand geht, übernehmen.
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