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heilen,forschen,leben / 19.05.2014
Früher erkennen – besser behandeln

 Interview mit Prof. Dr. med. Maik Gollasch, Grundlagenforscher und Mediziner, über die Arbeit in der Hochschulambulanz für Nephrologie und den Aufbau des nationalen Registers für Diabetische Nephropathie am Experimental and Clinical Research Center (ECRC) von Charité und MDC.

Herr Prof. Gollasch, was zeichnet Ihre Hochschulambulanz aus?

 
Wir erforschen zwei Aspekte der Nephrologie, diabetesbedingte und genetische Nierenerkrankungen, sowie Hypertonie, also den Bluthochdruck. In enger Zusammenarbeit mit den Fachärzten bieten wir Betroffenen spezialisierte Hilfe und Beratung bei der Diagnose und Therapie dieser Erkrankungen. Dabei fließen neueste Erkenntnisse aus der Forschung unmittelbar ein. Wir arbeiten auch interdisziplinär mit den Hochschulambulanzen am Standort zusammen, insbesondere mit der Diabetes-Ambulanz. Ein weiteres wichtiges Angebot besteht in der vaskulären Prävention.
 
Was bedeutet eine diabetische Nierenerkrankung für die Betroffenen?
 
Diabetische Nephropathie (Nierenerkran- kung) ist die zweithäufigste Folgeerkrankung des Diabetes mellitus. Die Kapillaren des Nierenkörperchens verlieren zunehmend an Funktion, da sich – begünstigt durch zu hohen Blutzucker – knötchenförmig Bindegewebe bildet. Wenn die Erkrankung früh erkannt wird, ist eine Heilung oder Verzögerung möglich. Unbehandelt kann sie innerhalb von ein bis zwei Jahren zum vollständigen Verlust der Nierenfunktion führen. Obwohl nur 30 Prozent der Diabetiker eine diabetische Nephropathie entwickeln, ist sie mittlerweile weltweit die Hauptursache für dialysepflichtige Niereninsuffizienz.
 
Wie lässt sich diese Erkrankung erforschen?
 
Die Mechanismen der diabetischen Nephropathie waren bisher schwer zu erforschen, da sich die Krankheit nicht adäquat im Tiermodell abbilden lässt. Wir setzen daher auf genetische Methoden, um den Ursachen der Krankheit auf die Spur zu kommen. Im Experimental and Clinical Research Center stehen uns dafür hervor- ragende Möglichkeiten zur Verfügung. Seit zwei Jahren bauen wir das„Register Diabetische Nephropathie“ auf, das eine DNA-Biodatenbank von Patienten mit histologisch nachgewiesener diabetischer Nephropathie umfasst. Mittlerweile hat es den Rang eines nationalen Registers.
 
Welche Ziele verfolgt das Register?
 
Wie ausgeprägt eine diabetische Nephropathie ist, lässt sich heute am genauesten durch eine Nierenbiopsie feststellen – eine invasive Methode mit Risiko für den Patienten. Wir benötigen sowohl neue Möglichkeiten, das Erkrankungsrisiko früher zu erkennen als auch neuartige Therapieansätze. Mit Hilfe des Registers wollen wir die Entstehungsmechanismen der Diabetischen Nephropathie klären. Eines der wesentlichen Ziele ist es, weitere genetische Risikofaktoren für Diabetische Nephropathie zu identifizieren. Diese sollen uns in die Lage versetzen, eine frühere Diagnose zu stellen, die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung besser abzuschätzen und frühzeitig eine schützende Therapie einzuleiten. Mittels neuer genetischer Marker, also Stoffen, die sich im Urin nachweisen lassen, und durch Kenntnis von Genvarianten könnten wir gezielt überwachen, wie die Einschränkung der Nierenfunktion voranschreitet. Dadurch ließe sich die Behandlung besser steuern.
Eine wichtige Aufgabe des Registers ist es, neue Therapieansätze für die Diabetische Nephropathie zu ermöglichen. Indem wir die Gewebsproben der Probanden klassifizieren und sie mit den neuen Markern und Genvarianten korrelieren, schaffen wir die Grundlagen für maßgeschneiderte Therapien.
 
Welche Patienten schließen Sie in der Studie ein?
 
Wir schließen Patienten mit diabetischer Nephropathie ein, die eine Biopsie erhalten. Dies ist nur bei einem Bruchteil der Patienten der Fall. Anhand des Biopsie- Materials können wir exakt feststellen, ob die Krankheit tatsächlich durch den Diabetes verursacht wurde oder eine andere Ursache vorliegt. Ein Nierenschaden kann bei Diabetikern auch durch Bluthochdruck oder Kontrastmittel entstehen. Die Stärke und Einmaligkeit des Registers besteht darin, dass wir, ausgehend von diesen Unterscheidungen, nach pathogenen und protektiven genetischen Komponenten suchen zu können. Immerhin entwickeln 70 Prozent aller Diabetiker keine diabetische Nephropathie, sind also in irgendeiner Weise geschützt.
 
Welche Daten erheben Sie?
 
In die Studie fließen anamnestische Daten wie Familiengeschichte, Medikation und diabetes-assoziierte Begleiterkrankungen ein. Anhand von Urin und Blutproben werden zudem Nierenfunktion, Glukosestoffwechsel, Leberenzyme und Entzündungsparameter geprüft. In der Biodatenbank archivieren wir Plasma, Urin- und Blutproben für zukünftige Untersuchungen und eine pharmako-genetische Diagnostik. Letztere stellt fest, wie Arzneimittel auf Patienten mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung wirken.
 
Wie rekrutieren Sie Ihre Patienten für das Register?

 
Zum Teil rekrutieren wir in der Klinik für Nephrologie und Internistische Intensivmedizin an der Charité, Campus Virchow, wo ich zur Hälfte meiner Arbeitszeit tätig bin. Wir fahren aber auch in die kooperierenden Praxen, holen die Proben ab und prüfen, ob alle Informationen vollständig sind. Wir erleben, dass viele Patienten sehr motiviert sind, für die Forschung an ihrer Erkrankung zur Verfügung zu stehen.
 
Welche Bedingungen bietet die Ambulanz für Hypertonie-Patienten?

 
Die Hypertonie ist ein entscheidender Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen und Nierenschäden. Deshalb liegt unser Schwerpunkt auch in der vaskulären Prävention. Wir sind als Hypertonie-Zentrum der Deutschen Hochdruckliga e. V., der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention, zertifiziert. Das heißt, dass wir hohe Standards in der Diagnostik, der Therapie und der Patientenversorgung erfüllen – bis hin zur stationären Versorgung in der genannten Klinik für Nephrologie. Wir können hier eine komplette Gefäßdiagnostik anbieten, von Dopplersonografie bis hin zur Pulswellengeschwindigkeitsmessung.
 
Woran forscht Ihre Arbeitsgruppe am MDC?
 
Unsere Forschung beschäftigt sich mit den Grundlagen der Hypertonie. Durch den Bluthochdruck werden in erster Linie die kleinen Gefäße geschädigt, und dies führt zu Endorganschäden wie Schlaganfall, Nierenversagen und Herzversagen. Wir fokussieren auf die Funktion von Widerstandsarterien, kleinen Gefäßen, die den Blutdruck regulieren. Im Speziellen untersuchen wir Ionen-Kanäle, vorwiegend in glatten Muskelzellen, um die Mechanis- men aufzuklären, die zu Bluthochdruck und kardiovaskulären Schäden führen. Aus den Erkenntnissen, die wir hier gewinnen, können neue Ansätze in der Prävention und Behandlung entstehen. Erst kürzlich haben wir – Kliniker und Grundlagenforscher in gemeinsamer Arbeit – eine mögliche neue Zielstruktur zur Behandlung von Bluthoch- druck entdeckt und im Journal of Clinical Investigations publiziert; einen Chloridkanal namens TMEM 16A. Möglicherweise ist er der Schlüssel für ein neues Medikament.
 
Interview: Christine Minkewitz
 
Foto: Prof. Dr. med. Maik Gollasch (Foto: David Ausserhofer)


Quelle: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

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