News

Ihre Auswahl

heilen,forschen / 31.01.2013
Wirksame Therapien erforschen – Allergien verhindern

 Interview mit Prof. Dr. Young-Ae Lee, Leiterin der Hochschulambulanz für Pädiatrische Allergologie und Neurodermitis auf dem Campus Buch, über die Arbeit der Ambulanz, die klinische Versorgung und Forschung umfasst. Die Hochschulambulanz gehört zum Experimental and Clinical Research Center (ECRC) von Charité und MDC.


Frau Prof. Dr. Lee, was zeichnet Ihre Hochschulambulanz aus?

Im Vordergrund unserer Arbeit steht die klinische Forschung über die Ursachen allergischer Erkrankungen. Zunehmend erkranken Kinder an Allergien, diesen Trend wollen wir aufhalten. In der Regel werden schwer betroffene, meist kleinere Kinder hier vorgestellt, die schon eine gewisse Zeit an der Erkrankung leiden und spezifischen Rat benötigen. Das Spektrum ihrer Erkrankungen reicht von allergischen Haut- oder Atemwegserkrankungen bis hin zu Nahrungsmittelallergien. Wir versorgen die Patienten anhand bester klinischer Standards und des aktuellen Forschungsstands. Darüber hinaus nehmen wir uns viel Zeit, die Eltern zu schulen. Bei entsprechender Eignung fragen wir eine Studienteilnahme der Kinder an.

Wie werden die Patienten bzw. deren Familien auf Ihre Ambulanz aufmerksam?
Die Patienten kommen meist auf Überweisung von niedergelassenen Ärzten. Andere folgen unseren Aufrufen zur Studienteilnahme. Eltern informieren sich zunehmend durch das Internet und kommen gezielt in unsere Ambulanz.

Verfügen Sie in der Hochschulambulanz über besondere Technologien oder besondere Medikamente?

Klinische Medizin ist vor allem ein Handwerk. Wir bieten Patienten das volle Spektrum der allergologischen Diagnostik und Therapie an. Gelegentlich fragen Eltern nach einer genetischen Diagnostik, die wir jedoch nur im Rahmen einer Studie durchführen. Darüber hinaus führen wir bestimmte Untersuchungen, z. B. an der Haut, durch, die in der klinischen Routine nicht üblich sind, die wir aber für unsere Forschungsarbeit verwenden.

Welchen Vorteil bietet das ECRC?
Die Infrastruktur ist durch die Hochschulambulanzen, die hier vertreten sind, und die enge räumliche Nähe zur Forschung sehr günstig. Wenn wir zum Beispiel im Rahmen einer Studie Immun- oder Hautzellen analysieren, ist die Nähe zum Forschungslabor ein enormer Vorteil. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter können bei Bedarf einfach herüberkommen, um bestimmte Fragestellungen zu klären.

Sie sind Charité-Professorin, haben seit 2002 eine Arbeitsgruppe am MDC und leiten seit 2011 auch die Hochschulambulanz. Wie viele Ärzte arbeiten in der Ambulanz?

Ich war bislang die einzige Ärztin. Seit Oktober 2012 forscht im Rahmen des Klinischen Austauschprogramms vom ECRC eine weitere Kinderärztin für zwei Jahre in meiner Arbeitsgruppe am MDC. Sie wird mich auch in der Ambulanz unterstützen.
Sie haben bereits während des Medizinstudiums an der Harvard Medical School in Boston, USA, im Labor für genetische Epidemiologie am Children’s Hospital geforscht.
Von Anfang an war ich an Grundlagenforschung interessiert. Ich habe daher am Children’s Hospital meine experimentelle Doktorarbeit gemacht. Während meiner klinischen Ausbildung in der Kinderheilkunde der Charité habe ich mich in der Klinischen Forschergruppe Allergologie engagiert, um klinische Tätigkeit und Forschung zu verknüpfen.

Woran forscht Ihre Arbeitsgruppe am MDC?
Wir untersuchen die erblichen Ursachen von allergischen Erkrankungen. Allergienwerden zwar durch Umweltfaktoren ausgelöst, aber die Veranlagung, allergisch zu reagieren, wird vererbt. Wir arbeiten mit sehr großen Gruppen, die mehrere tausend Patienten umfassen, um erbliche Varianten zu finden, die gehäuft bei diesen Personen vorkommen und versuchen, den Mechanismus der Krankheitsentstehung aufzuklären. Durch unsere Forschung konnten wir in den letzten Jahren mehrere Gene für Neurodermitis und Asthma identifizieren. Die Kenntnis der beteiligten Gene ist eine wichtige Voraussetzung dafür, in Zukunft die Entstehung der Allergien zu verhindern oder sie gezielt behandeln zu können.
Derzeit führen wir auch eine genomweite Studie über die erblichen Ursachen von Nahrungsmittelallergien im Kindesalter durch. Nahrungsmittelallergien haben oft sehr junge Kinder, die auch oft daraus wieder herauswachsen. Über die Ursachen dafür wissen wir sehr wenig. Im Augenblick haben wir kaum die Möglichkeit vorherzusagen, bei welchen Kindern sich die Allergie „auswächst“ und bei welchen nicht. Das wäre aber für die Therapieentscheidung von großer Bedeutung.

Was ist Ihr Behandlungsziel?

Allergische Erkrankungen sind chronische Erkrankungen, die nicht nur das aktuelle Befinden, sondern auch die Entwicklung des Kindes, und oft auch das Leben der ganzen Familie beeinträchtigen. Ziel der Behandlung ist es, die volle Leistungsfähigkeit und ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Wenn die Patienten stabil sind, kehren sie mit einem Therapieplan wieder in die Obhut der niedergelassenen Kollegen zurück. Dann werden sie erst bei Bedarf wieder vorgestellt.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
In den meisten Fällen können wir derzeit keine kausale Therapie anbieten. Dies ist nur bei inhalativen Allergien wie Heuschnupfen möglich. Ein Beispiel dafür, wie neuere Erkenntnisse der Genetik in die Behandlung einfließen, sind die Mutationen im Filaggrin-Gen. Sie verursachen eine durchlässige Haut, durch die zu viele Allergene in den Körper eindringen können. Kinder mit diesen Mutationen haben ein stark erhöhtes Risiko, an Neurodermitis zu erkranken. Man hat erkannt, dass die gestörte Hautbarriere auch die Entwicklung von allergischen Atemwegserkrankungen begünstigt, weshalb die Behandlung der Hautbarrierestörung bei Neurodermitis wichtig ist, um Asthma vorzubeugen. Da gerade die frühkindliche Neurodermitis mit der Zeit besser wird, wird dieser Teil der Behandlung oft vernachlässigt. Darum ist es wichtig, solche Hautbarrierestörungen zu diagnostizieren und die Kinder frühzeitig und konsequent zu behandeln.

Welche Fortschritte erwarten Sie in den kommenden 10 bis 15 Jahren?
Die Werkzeuge der Genomforschung entwickeln sich so rapide, dass man einen enormen Erkenntnisgewinn über komplexe Erkrankungen wie Allergien erwarten kann: Die Systembiologie ermöglicht es, nicht nur die Funktion einzelner Gene zu untersuchen, sondern molekulare Veränderungen auf verschiedenen Ebenen der Gene und der Genprodukte zu erfassen, mit klinischen Charakteristika der Patienten zu korrelieren, und so den Erkrankungsprozess besser zu verstehen.

Wie profitieren die Studienteilnehmer?

Genomforschung ist Grundlagenforschung, von der die Patienten nicht kurzfristig profitieren werden. Viele Patienten sind jedoch hochmotiviert, unsere Forschung zu unterstützen. Sie sehen die Studienteilnahme als einen Beitrag für künftige Behandlungsmöglichkeiten. Wir stellen den Teilnehmern das Ergebnis von Allergietests zur Verfügung. Für viele ist es wichtig zu wissen, wogegen sie allergisch sind und was sie beachten können. Die Studienteilnahme ist für die Patienten kostenlos, da die Studien mit Forschungsmitteln finanziert werden, die wir eingeworben haben.

Interview: Christine Minkewitz / Foto: dahlmedia


Über das Experimental and Clinical Research Center (ECRC)
Zum ECRC zählen elf Hochschulambulanzen bzw. Sprechstunden, die spezialisierte Beratung für Patienten anbieten, eine Station, die eigens für die klinische Forschung ausgelegt ist, eine Reinraum-Herstellungsanlage für die zelluläre Immuntherapie.
Es bietet Zugang zu modernsten Verfahren in der Ultrahochfeld-Magnetresonanz-Bildgebung.



Quelle: BBB Management GmbH Campus Berlin-Buch

www.charite-buch.de/allergologie

Alle News im Überblick